Leseprobe 1:


Prolog:

Auf hoher See

Der Wind über der Nordsee roch nach Salz und Diesel. Das

Deck vibrierte, als die Fahre in die schwere See stach. Aus den

Schornsteinen wehte dunkler Rauch, der sich auf unsere

Jacken legte. Nach Jahren des Aufbaus und harter Arbeit war

endlich ein Urlaub in Edinburgh angesagt. Ich stand an der

Reling, das schwere Autotelefon in der Hand – fast so groß wie

ein Aktenkoffer und ebenso gewichtig. 5.500 Mark hatte das

Teil gekostet. Für das gleiche Geld bekam man damals einen

Kleinwagen. Jede Minute am Hörer fühlte sich an, als würde

man zwei Mark direkt ins Meer werfen. Doch all das war mir

egal, denn ich brauchte immer eine direkte Leitung ins Büro.

Wir schreiben das Jahr 1995.

„Krug ist pleite.“

Drei kurze Worte. Kalt wie Eis, schwer wie Blei. Die rote,

massive Forth Bridge vor der Hafeneinfahrt von Edinburgh lag

an diesem Nachmittag teilnahmslos im Dunst. Die Wellen

schlugen weiter gegen den Rumpf, die Lichter am Terminal

blieben, wo sie waren. Nur der Boden unter meinen Füßen

verlor seine Härte. Baustoffhandel Krug war einer meiner

größten Kunden und mit dem Konkurs standen 250.000 Mark

auf der Kippe.

„Wir drehen um“, sagte ich. Birgit – meine Frau und mein Fels

in der Brandung – nickte, als hätte sie den Satz schon gehört,

bevor ich ihn ausgesprochen hatte. Doch so einfach war es

nicht. Die nächste Rückfähre Richtung Hoek van Holland hätte

uns frühestens in zwei Tagen an Bord genommen. Zwei Tage

in einer solchen Situation sind eine Ewigkeit. Auch Geld half

da nicht – alle Schiffe waren ausgebucht. Also blieb nur eine

Entscheidung: Selbst fahren! Rein in den Benz, Motor starten,

runter von der Fähre. In dem Moment, in dem der erste Gang

einrastete, war klar: Ab jetzt gibt es kein Warten mehr, nur noch

Fahren.

Die Nacht lag wie ein schwarzes Tuch über der Straße. Die

Leitpfosten kippten rhythmisch nach hinten, die Reifen dröhnten

und legten einen gleichmäßigen Puls unter meine Gedanken.

Birgit saß am Steuer, die Hände fest am Lenkrad, der Blick

nach vorn. Ich daneben, das Telefon in der Hand. Das Display

flackerte grün, Nummern liefen wie Ziffernketten über den

kleinen Bildschirm. Anrufe, Rückrufe, Kurzwahlen. Sie fuhr, ich

sprach. Zwei Rollen, die sich die Nacht teilten – eine hielt den

Wagen in der Spur, die andere die Firma.

Pfandrecht. Dieses Wort schoss mir in den Kopf wie ein

Rettungsring. Kein juristisches Winkelspiel, sondern die einzige

Lösung, um den eigenen Konkurs abzuwenden. Wenn ein

Kunde pleitegeht, kann jeder Spediteur die gesamte Ware

festhalten – ob auf dem Lkw oder im Lager – so lange, bis

gezahlt wird. Egal von wem – Hauptsache, einer zahlt die

Zeche. Ich klammerte mich an diesen Gedanken, da er der

Einzige war, der in dieser Nacht Halt gab.

Mein erster Anruf ging nach Leverkusen. Dort stand einer

unserer Lkw mit einer Ladung für Bayer, Abladefenster am

frühen Morgen. „Bleib am Hof, nicht abladen! Wir müssen die

Situation erst klären.“ Am anderen Ende ein kurzes Schweigen,

dann die vertraute Stimme: „Alles klar, Chef. Ich bin bereit.“

Keine Widerrede – der Fahrer wusste, dass ich nichts in tiefer

Nacht anordnete, was nicht für uns alle wichtig war.

Der zweite Anruf ging nach Frechen zu unserem Lagerleiter.

Dort standen Spezialtüren fürs Krankenhaus in Köln-Merheim,

die uns der Bauträger zur Einlagerung überließ. Auch diese

fielen unter das Pfandrecht. „Lass sie im Lager. Nicht aufladen

und fahr nicht auf die Baustelle. Warte, bis ich mich wieder

melde.“ Er lachte leise: „Thomas, wenn du sagst warten, dann

warte ich. Mach dir keinen Kopf.“ Ein Ton, halb Kameradschaft,

halb Freundschaft. Wir waren mehr als nur Chef, Fahrer oder

Dispo – wir waren ein Team, das zu viel erlebt hatte, um jetzt

auseinanderzubrechen.

Jeder Anruf war mehr als eine klare Ansage. Hinter jeder

Stimme stand ein Mitarbeiter, den ich kannte. Männer mit

Frauen, Kindern und Rechnungen. Manche waren seit Jahren

bei mir, andere erst seit Kurzem. Doch für die Dauer dieser

Nacht waren wir alle im selben Boot. Wenn einer stehenbleibt,

bleiben wir alle stehen. Ich konnte nicht versprechen, dass alles

gut ausgeht, aber ich konnte versprechen, dass ich voranging

und kämpfte.

Zwischen den Telefonaten rechnete ich im Kopf. Köln: rund

120.000 Mark offen. Berlin: 50.000. München: ein weiterer

Brocken. Zahlen, die mir die Luft zum Atmen nahmen, als lägen

zentnerschwere Kohlensäcke auf meiner Brust. Es waren nicht

die Zahlen selbst, die drückten, sondern die vielen Positionen

dahinter – die Bankschulden, der Diesel, die Löhne. Für mich

waren das keine Posten auf dem Papier, sondern Gesichter:

Werkstatt, Dispo, Fahrer. Jeder Strich auf der Liste bedeutete

jemand, der darauf vertraute, dass ich die Dinge ins Lot bringe.

Tief in mir brannte der Motor – lauter als der des Benz.

Die Nacht war ein einziges Rauschen: Reifen, Motor,

Leitpfosten. Dazwischen immer wieder das Klingeln des

Telefons. Zerknitterte Zettel, Zahlen, Summen –

durchgestrichen und neu berechnet. Müdigkeit hatte keinen

Raum, sie wurde von Adrenalin weggeschoben. Birgit fuhr

schweigend und warf mir bisweilen einen Blick zu, der sagte:

„Kämpf! Schlaf wäre teurer als jede Telefonminute.“

Im Eurotunnel schloss sich die Nacht enger um uns.

Betonwände links und rechts, keine Aussicht, kein Himmel.

Birgit hielt das Steuer, ich hielt das Telefon. Sporadisch ein

Stopp an der Raststätte – zwei Pappbecher Kaffee, bitter und

dünn, aber besser als nichts. Dann sofort weiter, zurück ins

Dunkel, zurück in die Nacht. Keine langen Gespräche, keine

Pausen, nur dieser Takt: Fahren, reden, rechnen, Kaffee.

Als wir Köln erreichten, war es früh am Morgen. Die Stadt lag

still, Dunst in der Luft. Das Neonlicht erhellte den Hof. Das

Knarren des schweren Tores öffnete die Einfahrt zur Spedition.

In der Dispo stapelten sich Lieferscheine und Ladelisten wie ein

Kartenhaus, das bei jedem Windzug einstürzen könnte. Wir

legten den ersten Stapel auf den Tisch, schoben die Faxgeräte

und den Fernschreiber an, hörten das Thermopapier knistern

und den Nadeldrucker rattern. Jeder Zettel war eine Waffe,

jeder Anruf eine Entscheidung. Es war keine Heimkehr,

sondern ein Gefecht – und wir wussten, dass der Tag erst

begann.

Noch bevor der Morgen richtig hell wurde, klingelte das Telefon.

Ein Großkunde aus der Chemiebranche, der keine langen

Erklärungen wollte: „Wir wissen schon Bescheid. Wir zahlen.

So sparen wir uns den Anwalt und viel Zeit.“ Wenige Minuten

später lief das Fax mit der bestätigten Banküberweisung ein.

Ein Haken auf meiner Liste, eine kleine Karte, den man aus

dem Kartenhaus ziehen konnte, ohne dass es einstürzte. Kein

Triumph, nur ein Moment zum Durchatmen – gleich der nächste

Anruf. Andere Kunden wollten reden, diskutieren und

verhandeln. Doch wir hatten keine Zeit für Grundsatzdebatten.

Wer zahlte, bekam seine Ware. Wer stritt, bekam Paragrafen.

Am Vormittag stand Leo Schmitz im Lager. Staub auf dem

Mantel, harter Blick in meine Richtung, die Stimme einen Deut

zu laut. Leo war kein Unbekannter, sondern ein großer

Bauträger aus Köln, mit dem wir seit Jahren

zusammenarbeiteten. Einer, der wusste, wie man Druck

machte. „Ich brauche die Türen heute. Ich habe sie längst

bezahlt“, betonte er und wischte sich den Schweiß von der

Stirn. Ich hielt seinem Blick stand und spürte noch das Gewicht

der letzten Nacht in meinen Knochen. „Mag sein, Leo, aber bei

uns ist nichts angekommen. Zahl noch einmal, heute – oder

warte.“ Einen Moment funkelten seine Augen, als wolle er die

Bude zerlegen. Doch dann stockte er, seine Stirn legte in

Falten: Bauleiter, Termine, Druck von oben. Am Ende biss er

sich auf die Lippe, nickte und griff nach seinem Scheckheft. Ein

Stein weniger, doch das Gewicht blieb.

Ein Viertel der Außenstände mussten wir schließlich nach ein

paar Wochen abschreiben. Es fühlte sich an, als würde man ein

großes Stück seiner eigenen Arbeit einfach so wegwerfen –

Wochen und Kilometer, die plötzlich nichts mehr wert waren.

Aber der Rest war genug, um die 40-Tonner am Laufen zu

halten, Diesel zu kaufen und die Löhne zu zahlen. In dieser

Nacht wurde mir klar: überleben heißt weiterzufahren, während

andere noch am Rad drehen.

Später, als die größte Hektik vorbei war, fragte mich jemand:

„ Hattest du Angst? Warst du wütend?“ Ich schüttelte den Kopf:

Angst braucht Zeit. Und Zeit hatten wir nicht. Wut ist nur ein

lähmendes Gefühl. Wir hatten Arbeit, die getan werden musste

und Entscheidungen, die nicht warteten. Angst und Wut lähmen

dich. Arbeit treibt an. Das ist der große Unterschied.“

Die Telefonrechnung jener Tage war grotesk. Schon ein Urlaub

auf Samos hatte mich ein halbes Monatsgehalt an Roaming

gekostet – ein Autotelefon im Ausland war Luxus und Strafe

zugleich. Jetzt war es egal. Jede Minute war teurer als die

vorherige, doch keine Zahl auf der Rechnung wog so schwer

wie der Stillstand, den wir vermeiden konnten. Zahlen sind nur

Zahlen, solange die Räder rollen.

In stillen Momenten dachte ich an die Maybachstraße meiner

Kindheit. An die Nächte, in denen die Rangierloks die

Güterwagen anstießen, die Metallpuffer aufeinanderprallten und

mich lautstark aus so manchem Traum rissen. An die

italienischen Gastarbeiter, an Briketts im Keller und an das

Schwarze unter den Fingernägeln der Klüttenmänner. An das

Uni-Center, das jeden Monat ein Stück größer wurde, als wolle

Köln beweisen, dass diese Stadt niemals stillsteht.

Diese Erinnerungen trieben mich an. Wer früh lernt, dass

Bewegung alles ist, gibt nicht auf, wenn die Welt ins Wanken

gerät. Und so beginnt diese Geschichte nicht auf einer kurvigen

Straße oder mit einem unerwarteten Telefonanruf auf hoher

See, sondern mit einem Jungen in der Kölner Maybachstraße,

der früh verstand, dass Mut und Arbeit die Räder am Rollen

halten.


Leseprobe 2:


Kapitel 7:

Alles auf Anfang

Larosé war ein guter Arbeitgeber. Das Großlager lag neben der

neuen Stollwerck-Fabrik in Porz-Westhoven. Ursprünglich war

Larosé die werkseigene Wäscherei der Schokoladenfabrik. Dort

fielen täglich Unmengen an weißer Arbeitskleidung an, die

aufgrund der strengen Hygieneanforderungen in der

Lebensmittelindustrie täglich gewechselt werden musste.

Wenn man auf das Firmengelände kam, hörte man zuerst das

typische Summen der Neonlampen, dann das Scheppern der

Rollcontainer – diese klapprigen Dinger, die nie geradeaus

liefen und bei jeder Unebenheit wie leere Eimer schepperten.

Ich mochte das Geräusch. Es war für mich der Klang des

Anfangs. Nur änderte sich an diesem Anfang nie etwas. Tag für

Tag dieselbe Halle und immer dieselben Abläufe. Ich hatte

schon längst mehr Verantwortung, als auf dem Papier stand.

Plante Touren, teilte Fahrer ein und lernte neue Kollegen an.

Der Chef, Hans Imhoff, schaute jeden Montagmorgen vorbei.

Freundlich, korrekt, mit diesem Blick, der alles auf Anhieb sah.

Imhoff war ein stadtbekannter Unternehmer, der überall eine

Chance witterte. Kein Akademiker, keiner mit Diplom. Er hatte

als Kfz-Schlosser angefangen und 1948 im kleinen Ort Bullay

an der Mosel seine erste Schokoladenfabrik gegründet – mit

einer einzigen Maschine vom Schwarzmarkt. Aus diesem

improvisierten Anfang wurde schnell ein Imperium, denn er

stellte Schokolade für alle her, vor allem für einfache Leute mit

kleinem Geldbeutel.

Imhoff war einer, der wusste, wie Köln schmeckt. Zigarre

zwischen den Lippen, hochgekrempelte Hemdsärmel und

immer in Bewegung zwischen Werkhalle und Büro. Wenn er in

der Wäscherei stand und einer rief: „Zigarre aus, Herr Imhoff!“,

lachte er nur. „Hast ja recht, Jung.“ So war er – ehrgeizig, aber

nicht abgehoben. Ein Unternehmer, der die Namen seiner

Leute kannte und dennoch Ferrari fuhr. Er war ein Mann, der

Köln prägte: Schokoladenfabrikant, Stollwerck-Sanierer, später

Gründer des Schokoladenmuseums. 1972 übernahm er

Stollwerck in der Krise, baute in Porz-Westhoven eine

hochmoderne Fabrik – immer mit Instinkt, Tempo und einem

scharfen Blick auf die Rendite. Imhoff war einer, der handelte,

während andere noch Pläne machten.

Mit jedem Karnevalszug verdiente er sich eine weitere goldene

Nase. Seine ‚Volksschokolade‘ – viel Zucker, wenig Kakao –

warf der Prinz tonnenweise. Als Imhoff sie jedoch aus

Margengründen einstellte, nahm ihm das Festkomitee das

äußerst übel. Mein Vater meinte: „Dat is keen Kölsche mehr.

De nimp us de Kamelle fott.“

„Bormann“, sagte er oft, „auf Sie kann man sich verlassen.“

Dann folgte dieser Satz, halb Lob, halb Leine: „Bleiben Sie uns

genauso erhalten.“

Ich lächelte, „ja – klar, Herr Imhoff“ und wusste im selben

Moment genau, was das Problem war. Wenn ich bleibe, bewegt

sich nichts in meinem Leben. Das Wort ‚genauso‘ war die Crux.

‚Genauso‘ heißt wie gestern, wie letzte Woche und irgendwann

wie letztes Jahr. Ich sah ihn an und fragte mich, wann auch ich

endlich anfange.

Manchmal, wenn der Betrieb abends zur Ruhe kam, blieb ich

noch draußen im Hof und setzte mich auf die kleine Mauer

neben der Toreinfahrt. Irgendwo rumpelte ein zu spät

abgebremster Container oder eine schwere Brandschutztür fiel

laut ins Schloss. Dann war Stille. Ich saß da, rauchte Reval und

dachte, dass Verantwortung nichts bringt, wenn sie dich auf der

Stelle hält. Ich konnte alles, was man hier brauchte. Doch es

gab nichts mehr zu lernen und keine Entwicklung. Das Wort

‚ genauso‘ bedeutet für die einen Sicherheit, für mich war es der

Inbegriff für lähmenden Stillstand.


Leseprobe 3:


Kapitel 20:

Logistik eiskalt

Nach allem, was wir erlebt hatten, rückte etwas anderes in den

Vordergrund: Systeme, die nur funktionieren, wenn alles

ineinander greift. Nirgends wird das so sichtbar wie in der

Kühllogistik.

Der Anruf kam an einem Dienstag. „Hier ist Wehrmann, Merkur

Lahnstein. Wir suchen einen zuverlässigen Spediteur für

Tiefkühlware. Fahren Sie Kühlzüge?“

Ich lachte kurz. „Bis jetzt nicht. Aber das lässt sich schnell

ändern.“

Er zögerte und brachte den Klassiker: „Wir suchen keinen, der’s

versucht. Wir suchen einen, der’s kann.“

„Dann sind wir uns einig“, war meine kurze Antwort.

Zwei Tage später stand ich in Lahnstein auf dem Hof. Statt

Zementsäcken und Baustellenlärm, gab es hier Eiskristalle und

das gleichmäßige Brummen der Kühlaggregate. Männer, die

zuerst Thermometer prüften und dann redeten. Hier herrschte

kein Lärm – hier herrschte Temperatur. Wehrmann kam mir

entgegen, sachlich, die Brille beschlug im Türrahmen. „Wir

fahren Warensortimente – von Tiefkühlpizza bis Gemüse, alles

minus achtzehn Grad. Zentrale Lagerung bei minus 25. Zehn

Filialen, Nachtverladung, Frühzustellung. Wir brauchen

Pünktlichkeit und Rückmeldung bei jeder Ankunft.“

„Klingt sauber“, sagte ich.

„Sauber reicht nicht. Kühlketten sind Gesetze. Wenn hier einer

Mist baut, steht das morgen im Bericht der

Lebensmittelaufsicht.“

Er zeigte mir die Verladehalle: Rolltore, Scanner, Paletten mit

Mischware – alles dokumentiert. Jedes Paket hatte einen

Barcode. Für mich war das Neuland. Wir kamen aus einer Welt,

in der Lieferscheine oft noch handgeschrieben waren und Zeit

auf Bauchgefühl beruhte. Hier war alles ein System. Diese

Branche hatte den nächsten Gang eingelegt – und ich wollte

mit.

Zurück in Kerpen ließ ich mir von einem Fahrzeughändler zwei

Kühlauflieger zeigen. Gebraucht, aber in gutem Zustand.

Thermo-King-Aggregat und hoch isoliert. Beste

Voraussetzungen für konstant niedrige

Innenraumtemperaturen. 75.000 Mark pro Stück. Ich schluckte,

rechnete kurz im Kopf und kaufte sie trotzdem. Wer wachsen

will, darf keine Angst vor Summen haben.

Die Nachricht machte auf dem Hof schnell die Runde. Dieter,

unser Ältester, starrte auf den neuen Kühlauflieger wie auf ein

UFO. „Ich fahr’ doch keine Eisschränke durch die Gegend.“

Schröder grinste. „Dann fahr weiter mit heißem Reifen. Aber die

Zukunft gibt Gas und hat Thermometer.“

Marek klopfte auf die Seitenwand. „Polen kalt, Deutschland kalt.

Kein Problem.“

Die Touren liefen zeitversetzt. Tagsüber Baustoffe und

Industrie, nachts Tiefkühlware. Und im Gegensatz zu den

Baustoffen hatte Tiefkühlkost keine wirkliche Saison. Im

Sommer war es lediglich mehr Eis und im Winter tiefgefrorene

Enten und Gänse. Drei Welten auf demselben Hof: tagsüber

Betonstaub, Industrie im Takt, nachts Eisnebel. Die Abläufe

waren komplex, aber faszinierend. Merkur lieferte seine

Zeitfenster sekundengenau. Aber das kannten wir bereits von

unseren Industriekunden. Wer zu spät kam, musste warten.

Und hier war Zeit nicht nur Geld für den Fahrer, sondern auch

Geld für den Kraftstoff der Kühlaggregate. Hier galt nur Takt

und Temperatur.

Ich gewöhnte mich schnell an das Brummen der

Kühlaggregate, das nachts wie ein ruhiger, gleichmäßiger Puls

durch den Hof zog. In den Büroräumen blieb das Licht oft bis

nach Mitternacht an. Schröder hatte einen neuen Metaplan

entworfen. Andere, neue Mitarbeiter digitalisierten die Touren

und setzten sie für die Fahrer in klare Ablaufpläne um. Auf dem

Bildschirm liefen Zahlenkolonnen: Abfahrtszeiten,

Solltemperaturen und die notwendigen Rückmeldungen.

„Wenn wir das konsequent durchziehen“, meinte Schröder,

„können wir die Baustoffe wie die Tiefkühlware in denselben,

optimalen Zyklus bringen. Kein Standzeitverlust – weder vor

den Kühlhäusern, noch vor irgendwelchen Baustofflagern.“